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Die Lehrerfamilie GERHARTL zu Kirchschlag

In einem Zeitalter, das wie das unsere durch eine Vielzahl von Schulen verschiedenster Arten und Stufen, durch mannigfache wissenschaftliche Institute, durch zahlreiche Bibliotheken, durch einen reichen Büchermarkt und durch ein tägliches Überangebot von Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen gekennzeichnet ist, fällt es einem schwer, sich in Zeiten zurückzuversetzen, in denen das alles noch nicht existierte und insbesondere auf dem Lande ein armer Schullehrer der Einzige war, der der heranwachsenden Jugend ein wenig Bildung beizubringen vermochte. Hineingestellt in einen Lebensraum, in dem nur ganz wenige des Lesens und noch weniger des Schreibens kundig waren, wo die meisten sogar derartige Kenntnisse für ihre Kinder ärgerlich ablehnten, da sie für die bäuerliche Arbeit völlig unnütz seien, waren diese Landschulmeister wahrhafte Helden ihres Berufes, wenn sie unter elenden Lebensbedingungen und trotz allem Unverständnis, dem sie ringsum begegneten, dennoch ihre Aufgabe in Rahmen des Möglichen erfüllten und durch ihr beharrliches Wirken durch viele Generationen hindurch schließlich doch die Grundlagen zum Aufstieg unseres Volkes zu Wissen und Bildung legten.
Die Größe dieser Leistung vermag man nur dann voll zu ermessen, wenn man sich die kümmerliche Lage vor Augen hält, in der ein Landschullehrer selbst noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts existieren musste. Das Schulgeld betrug damals jährlich 1 Gulden pro Kind. Freilich hatte der Schullehrer neben dem Schuldienst auch noch den Mesner- und Organistendienst zu versehen, der gewöhnlich mehr einbrachte als der Schulunterricht. Auch trug das Musizieren bei Tanz und Hochzeiten ein paar Gulden ein. Dazu kam in Kirchschlag gelegentlich noch ein bescheidenes Nebeneinkommen als Marktschreiber.
Ein anschauliches Bild von diesen Lebensverhältnissen bietet die Kirchschlager Schulchronik, in der Karl Heissenberger, der die Volksschule Kirchschlag in den Jahren 1872 bis 1904 leitete, u.a. folgende Darstellung eines Schullehrerlebens dargestellt hat:
„War schon das Einkommen des Schullehrers sehr schmal, so war das des Schulgehilfen ein solches, dass es zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel war. Bis zum Jahre 1858, von wo an er von der Gemeinde eine Aufbesserung von jährlich 40 Gulden Konventionsmünze erhielt, bekam der Schulgehilfe ein jährliches Gehalt von 20 Gulden Konventionsmünze. Im günstigsten Fall bekam er auch Spenden bei Taufen und gewöhnlichen 1 Gulden Konventionsmünze bei einer Konduktleiche. Das Essen erhielt er beim Schullehrer. An besonders gute Speisen durfte der Gehilfe freilich nicht gewohnt sein, da ihm sonst wohl in den meisten Fällen das Essen bei seinem Prinzipal nicht gemundet hätte. Freilich war der Schullehrer bei seinem geringen Einkommen nicht in der Lage, seinen Tisch besser bestellen zu können, für die erwähnten Einkünfte musste der Gehilfe außer dem Schulunterricht früh, mittags und abends das “Ave Maria “ läuten. Überhaupt oblag ihm das gesamte Läuten und auch das Aufziehen der Kirchenuhr. Ferner hatte er die beim Gottesdienste erforderliche Verrichtungen zu machen wie das Ankleiden des Priesters, Wein-Holen, Kerzen-Anzünden usw. Bei Versehgängen – auch in der Nacht und bei Schlechtwetter – musste der arme Schulgehilfe mit seinem oft fadenscheinigen, leichten Gewand den Priester zu nahem und fernen Kranken begleiten. Hatte er seine Verrichtung als Mesner besorgt, musste er auch noch Orgel spiele etc.
Bei diesem kargen Einkommen musste er sich auch noch um Nebenverdienste umsehen. So suchte er durch Nachhilfestunden und Lektionen seine Existenz zu verbessern. Freilich waren auch diese Einkünfte sehr karg bemessen. Denn für die Nachhilfestunden wurde pro Kind gewöhnlich 20 Kreuzer Konventionsmünze monatlich bezahlt.
War der Gehilfe in der glücklichen Lage, ein guter Musiker zu sein, so hatte er ein besseres Los. Denn bei Hochzeiten und Tanzmusik fehlte er dann gewiss nicht als Musikant. Da konnte er sich doch einmal so recht satt essen, leider oft auch mehr als satt trinken und manchmal bekam er noch Geld. Freilich durfte ihn dabei so manche Derbheit nicht aus der Fassung bringen, wenn z. B. ein Tänzer ihm zurief: „Du, Schulg´hilf, spiel mir an schön Pulka auf!“ Dass auf diese Weise der Schulgehilfe nicht in großem Ansehen bei der Bevölkerung stand, ist begreiflich“.
Wenn es unter diesen Lebensbedienungen, die im 17. und 18. Jahrhundert sicherlich noch um einige Grade schlechter gewesen waren, dennoch Familien gegeben hat, deren Mitglieder durch mehrere Generationen den Schulmeisterberuf ausübte, so grenzt dies beinahe schon an ein Wunder. Trotzdem hat es dies in Kirchschlag gegeben. Hier dürfte ein regelmäßiger Schulunterricht seit der Mitte des 17. Jahrhunderts bestanden haben, in welcher Zeit zweimal Namen von Schullehrern im Kirchschlager Marktgedenkbuch und zwar Christoph Krüger (1644) und Georg Zenkh (1648), bei denen auch deren Tätigkeit als Mesner und Organisten erwähnt werden.
In den Zwanzigerjahren des 18.Jahrhunderts taucht dann zum ersten Mal der Name eines Schulmeisters Gerhartl auf, der einer Familie angehörte, deren Mitglieder durch 4 Generationen bis zum Jahre 1871 das Schulmeistersamt in Kirchschlag versahen. Dabei existiert der Name Gerhartl wohl schon früher in Kirchschlag; so wissen wir, dass ein Blasius Gerhartl in den 1659 bis 1661, 1665 und 1674 das Kirchschlager Marktrichteramt innehatte; dieser war aber ein Bäckermeister und Mitglied einer Familie, die durch mehrere Generationen das Bäckergewerbe, insbesondere in den Häusern Nr. 5 und Nr. 79 ausübte, auf denen diese Gewerbe radiziert war. Ein Zusammenhang zwischen dieser Familie und der Lehrerfamilie Gerhartl konnte jedoch bisher nicht nachgewiesen werden.
Der Name des Schulmeisters Franz Paul Gerhartl findet sich jedenfalls erstmals im Grundbuch, wo er in den Jahren 1724 bis 1729 als Besitzer eines „öden Hauses“ eingetragen ist, wahrscheinlich einer der jahrelangen Brandstätten des „unteren Marktes“, der von den Türken im Jahre 1683 zerstört worden war. Ferner nennt ein Übergabs- und Kaufprotokoll vom Jahre 1730 ihn zusammen mit seiner Ehefrau Eva Rosina Zeiselheimer. Weitere Daten liefern uns die Bücher des Kirchschlager Pfarramtes, in denen Paul Gerhartl stets als „ludimagister“, somit in seiner Doppelfunktion als Schulmeister und Organist bezeichnet wird. So z.B. im Taufbuch, wo zum 10.12.1734 die Geburt seines Sohnes Anton Gerhartl eingetragen ist. Dieser heiratete dann am 12.7.1762 Maria Anna Unruhe, eine Tochter des Josef Unruhe, der im Jahre 1757 Marktrichter gewesen war. Der Bräutigam wird in diesem Zusammenhang im Trauungsbuch „Gantor“ genannt, worunter man damals den Leiter des kirchenmusikalischen Dienstes (Regenschori) verstand. Das Taufbuch meldet schließlich zum 18.4.1767 die Geburt des Sohnes Josephus Gerhartl, wobei der Vater Antonius Gerhartl bereits als „ludimagister zu Kirchschlag“ bezeichnet wird. Bei der Heirat des Sohnes (1793) wird dagegen der Vater Anton bereits als „Marktsyndikus“ (= Marktschreiber) tituliert; er hatte demnach in diesem Zeitpunkt das Schulmeisteramt bereits zugunsten seines Sohnes Joseph aufgegeben; als seine Frau Anna am 30.12.1806 stirbt, wird sie daher bezeichnenderweise „Marktschreiberin“ (64 Jahre) genannt; Anton Gerhartl selbst stirbt am 8.6.1821 im Alter von 87 Jahren und wird im Sterbebuch als „quieszierter Schullehrer und Marktschreiber allhie“ angeführt.
Der Sohn Josef Gerhartl, „Messner und Schullehrer zu Kirchschlag“, heiratete – wie schon erwähnt – am 28.11.1793 Anna Maria Fallhapp, die Tochter des Matthias Fallhapp, Schmiedemeister zu Aspang. Von diesem Josef Gerhartl ist noch ein schönes Ölbild erhalten, das ihn als sehr alten, weißhaarigen Mann mit nachdenklichen Gesichtszügen zeigt. Sein Todesjahr ist aus den Standesbüchern der Pfarre Kirchschlag leider nicht feststellbar, wohl aber das seiner Frau, die am 28.9.1832 verstorben ist; über ihn findet sich bloß anlässlich der Geburt seiner Enkelin Anna (3.7.1843) im Taufbuch beim Namen des Großvaters der Vermerk „lebt“. Damals war Josef Gerhartl 76 Jahre alt. Bei der Geburt eines weiteren Enkelkindes (Anton) am 26.4.1845 fehlt ein gleichartiger Vermerk.
Sein am 5.12.1797 geborener Sohn Anton Gerhartl heiratete am 14.5.1839 Atonie Rustoff, die Tochter des Anton Rustoff, Hufschmiedemeister in Kirchschlag, und der Antonie, geb. Dänemarker. Anton Gerhartl wird im Trauungsbuch bereits als „Lehrer an der Marktschule Kirchschlag“ sein Vater Josef Gerhartl als „gewester Lehrer im Markt Kirchschlag“ bezeichnet. Anton Gerhartl, der auch als Mesner und Leiter des Kirchenchores wirkte, ging im Jahre 1871 in Pension.
Ihm folgte Karl Heißenberger (geb. 1.4.1837), der gleichfalls Spross einer Lehrerdynastie war. Er stammte nämlich aus Zöbern, wo die Familie Heißenberger von 1685 bis 1896 den Schulmeister stellte und zwar Andreas Heißenberger (1685 – 1708), Johann Michael Heißenberger (bis 1765), Johann Nepomuk Heißenberger (bis 1813), Josef Heißenberger (bis 1840) und Josef Heißenberger (bis 1896).
Lehrer, die den Namen Gerhartl trugen, gab es übrigens auch noch in anderen Orten in der Buckligen Welt zum Beispiel in Krumbach Leopold Gerhartl (von 1702 – 1717) und nochmals Leopold Gerhartl (von 1748 – 1792) und in Hochneukirchen Johann Gerhartl (1748).
Ob diese mit den Kirchschlager Gerhartls verwandt waren, müsste erst erforscht werden. Fest steht eine solche Verwandtschaft dagegen bezüglich des Stanger Schullehrers Josef Gerhartl (1796 – 1859), der ein Sohn des Kirchschlager Lehrers Josef Gerhartl (geb. 1767) gewesen war.

Die Wirksamkeit der Kirchschlager Schullehrer Gerhartl lässt sich folgendermaßen abgrenzen:
        1. Franz Paul Gerhartl (bis etwa 1762)
        2. Anton Gerhartl (bis etwa 1793)
        3. Josef Gerhartl (bis etwa 1835)
        4. Anton Gerhartl (bis etwa 1871)

Da die Tätigkeit der Schullehrer Gerhartl in Kirchschlag bereits rund 120 bis 270 Jahre zurückliegt, wissen wir begreiflicherweise nur mehr wenig über ihre Leistungen. Die Tatsache, dass ein Beruf durch 150 Jahre in einer Familie ausgeübt wird, lässt jedoch nach der allgemeinen Lebenserfahrung darauf schließen, dass es sich dabei um tüchtige Vertreter dieses Berufes gehandelt hat, weil berufliche Versager im allgemeinen dem väterlichen Job nicht treu zu bleiben pflegen. Dafür spricht auch der Umstand, dass die Kirchschlager „Trivialschule“ (= Volksschule) auf Grund der Allgemeinen Schulordnung vom 6. Dezember 1774 zur Musterschule erklärt wurde, was wohl der besonderen Tüchtigkeit des damaligen Schullehrers Anton Gerhartl (geb. 1734) zuzuschreiben war. Auch erinnert sich der Schreiber dieser Zeilen noch sehr gut, dass seine Großmutter Luise Zickero, verh. Mader (geb. 1853) immer in begeisterten Worten von ihrem Lehrer Anton Gerhartl (geb. 1797) gesprochen und ihm bis in ihr hohes Alter ein gutes Andenken bewahrt hat.
Ich glaube daher, dass die Lehrerfamilie Gerhartl wohl verdient hat, durch diese Skizze ein wenig der Vergessenheit entrissen zu werden. (von Dr. Bruno Schimetschek, 1988)

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