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Heanzen, Pregner und Jogler

Ein altes Sprichwort sagt: „Es ist nicht alles ohne Grund, was umgeht in des Volkes Mund“.
In diesem Satz steckt tatsächlich viel Wahres. Hat sich doch in der mündlichen Überlieferung des Volkes die Erinnerung an manches erhalten, das im Bereiche der exakten Wissenschaft längst in Vergessenheit geraten ist. So existieren im Wortschatz des Volkes noch eine Unmenge von Namen, Sprüchen und Redensarten, deren Sinn uns oft völlig unverständlich, ja geradezu töricht erscheint; forschen wir aber ein wenig nach, so stoßen wir nicht selten auf uralte Weisheiten oder historische Zusammenhänge, die bereits seit unvordenklichen Zeiten aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden sind.
Ein gutes Beispiel hierfür bilden die so genannten „Spottnamen“, mit denen die Bewohner eines Ortes vielfach die Leute eines Nachbardorfes zu verhöhnen pflegen. Oft erstreckt sich ein Spott sogar auf die Bewohnerschaft eines ganzen Landstriches. So war es in der Dreiländerecke, wo Niederösterreich, Steiermark und Burgenland zusammentreffen, von alters her üblich, dass die Bewohner der einzelnen Länder sich wechselseitig mit Spottnamen bezeichneten. Da werden die Burgenländer von ihren Nachbarn „Heanzen“, die Leute des niederösterreichischen Teiles der Buckligen WeltPregner“ und die OststeirerJogler“ genannt.
Dabei lässt sich das Wort „Jogler“ noch relativ leicht erklären.
Jogl“ ist nämlich der volkstümlich Name für „Jakob“, ein Vorname, der in dieser Gegend seinerzeit sehr beliebt war, wozu auch der Hauptort St. Jakob im Walde mit seiner dem Hl. Jakob geweihten Pfarrkirche nicht wenig beigetragen haben mag.
„Joglland“ ist als das „ Land der Jakobe“.
Schwieriger ist es schon, eine Erklärung für das Wort „Heanzen“ zu finden.
Jedenfalls stammt auch diese Bezeichnung von einem Vornamen ab, nämlich von „Heinz“, der mundartlich „Heanz“ lautet. Nun hat der Name „Heinz“ im deutschen Sprachraum leider keinen besonders guten Ruf, da man darunter einen starrsinnigen, rückständigen, ja mitunter sogar tölpelhaften Menschen versteht. Tatsächlich ist ja auch das Zeitwort „heanzeln“ gleichbedeutend mit „verspotten“.
Das erklärt aber noch nicht, wie so gerade die Burgenländer zu diesem Spottnamen gekommen sind.
Hier weisen manche Historiker wohl mit Recht darauf hin, dass die Güssinger Grafen bei der Besiedlung eines Großteiles des heutigen Burgenlandes eine führende Rolle gespielt haben; vor allem hat Heinz von Güssing gegen Ende des 12. Jahrhunderts eine große Anzahl von Siedlern ins Land gebracht, worauf die Nachbarn diese offenbar als die „Leute des Heinz“= „Heanzen“ bezeichnet haben. Es handelt sich also um einen alten historischen Namen, dessen man sich nicht schämen sollte.
Mit berechtigtem Stolz hat darum auch Josef Reichl, der große burgenländische Dichter, seine Hymne an das damals neu entstandene Burgenland mit der Überschrift „Mei’ Heanzenland“ versehen.
Am wenigsten verständlich ist es wohl, warum die Leute des niederösterreichischen Teiles der Buckligen Welt von den benachbarten Burgenländern „Pregner“ und ihr Wohngebiet „Pregnerei“ genannt werden.
Diesen Bezeichnungen liegt ein uraltes romanisches Wort zugrunde, das sich z.B. schon in einer Urkunde aus dem Jahre 827 vorfindet, laut welcher ein gewisser Quartinus, der seiner Herkunft nach als Noricus und Pregnarius bezeichnet wird, eine Schenkung an das Kloster Innichen in Tirol machte. Dies wird im Schrifttum dahin ausgelegt, dass man sich bei Abfassung der Urkunde offenbar nicht damit begnügte, den Schenker bloß als Noriker, also als Angehörigen eines sehr weit verbreiteten Volks zu bezeichnen, sondern seine Herkunft anscheinend etwas genauer präzisieren wollte, indem man ihn Bewohner eines ,,pregnarium’’ nannte, worunter man sich den damaligen Sprachgebrauch eine öde Gegend oder Wildnis verstand. Nach dem Ausstellungsort der Urkunde soll es sich dabei um das zu jener Zeit kaum gerodete Gebiet rings um den Brenner gehandelt haben. Nicht anders stand es aber um die Bucklige Welt, die noch bis ins 12. Jahrhundert hinein ein ungerodetes Land, eine Wildnis und somit eine echte ,,Pregnerei’’ war. Es scheint sich hier also ein romanisches Wort von der Römerzeit her über alle Stürme der Völkerwanderung hinweg bis heute erhalten zu haben, weshalb auch die Bewohner der Buckligen Welt den uralten Namen ,,Pregner’’ mit Stolz tragen sollten. (Dr. Bruno Schimetschek – 1988)

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