Stadtmuseum, 2860 Kirchschlag, Kirchengasse 1 - geöffnet von Mai bis Ende Oktober an Sonn- und Feiertagen von 9:00 bis 11:30

Ein Ausflug nach Habich zum Bauernmaler Ritter

Es war an einem wunderschönen Augusttag, jene Zeit, in der die Ferien am schönsten sind, weil die Tage noch lange dauern und die Naturbegeisterung noch nicht durch den Gedanken an den Abschied getrübt wird.
Wir waren unser fünf: Gerti, Gretl, Fredl, Walter und ich; alle junge Leute so um die zwanzig herum, lauter Stadtkinder, die nach zehnmonatlichen Großstadtaufenthalt es wohl zu schätzen wissen, was ein bisschen frische Luft und eine pflasterlose, naturechte Landschaft bedeutet.
In Kirchschlag, unserem Sommeraufenthalt, hatten wir schon viel von dem Bauernmaler Ritter aus Habich gehört und auch bereits einige Bilder von ihm gesehen; dadurch neugierig gemacht, interessierte es uns, diesen Mann und die Umgebung, in der er arbeitet, kennen zu lernen. So brachen wir an einem schönen Morgen von Kirchschlag auf und zogen bald fröhlich singend die Straße gegen Ungerbach dahin; schön mag unser Gesang nicht gewesen sein, aber laut und heiter.
So kamen wir rasch vorwärts. Bald lag Ungerbach hinter uns, worauf es nun die Straße den Berg hinanging. Hier zog ein Haus rechts am Wege unser Interesse auf sich. Es ist dies das vorletzte Haus auf niederösterreichischem Boden und heißt das Kirchenschusterhäusel. Hier stand bis zur Zeit Kaiser Josefs II. eine kleine Kirche, die nach einer in der Nähe entspringenden Quelle „Zum heiligen Brunnen“ genannt wurde. Nach der Schönauer Pfarrchronik wurde in diesem Kirchlein 1471 mit Bewilligung des Grazer Bischofs die erste hl. Messe gelesen. Kaiser Josef II. ließ dann die Kirche – wie so viele andere sperren, worauf das Gebäude bis in die Zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts leer stand. Dann kaufte der Schuster Stöfl (Stefan) aus Kogl das alte Gemäuer und baute sich ein Haus darauf, das nun Kirchenschusterhäusel genannt wurde. Bei späteren Umbauten wurden mehrere Totenschädel, Gebeine und alte Steine gefunden, die darauf schließen lassen, dass einst in der Kirche und rundherum Tote bestattet wurden, wie dies in früheren Zeiten bei Kirchen allgemein üblich war.
Leider wurden die Steine immer sogleich beim Bau verwendet, so dass uns keine Inschrift erhalten geblieben ist. Im Hause selbst trafen wir nur die Großmutter an, die uns einen lichten Stein zeigte, der nach spärlichen Spuren einst eine Inschrift getragen haben muss, heute aber als Stufe vor der Haustür gänzlich abgetreten ist. Schließlich machte uns die Großmutter noch auf die Malereien aufmerksam, die Maler Ritter im Jahre 1926 außen am Hause angebracht hat. Sie zeigen das Haus in seiner heutigen Gestalt und die einstige Kapelle, die sich der Maler aus den Grundmauern rekonstruiert hatte. Heute ist allerdings von der alten Kirche nichts mehr zu sehen, auch nichts vom hl. Brunnenkreuz, das wenige Schritte davon entfernt am Wege stand und beim Bau der neuen Straße für die Schotterung herhalten musste.
Zum Dank für diese alten Geschichten fotografierten wir unser Großmütterchen, obwohl sie sich anfangs sträubte, weil sie nicht schön angezogen war. Dann zogen wir die Straße weiter bis zur burgenländischen Grenze und hierauf rechts zum Hofe Ritter, den wir eben beim Dreschen antrafen. Ein äußerst herzlicher Empfang wurde uns zuteil. Ritter führte uns sogleich in seine Stube und gestattete uns, nach Herzenslust in seinen Gemälden, Zeichnungen und Skizzenbüchern zu stöbern, von welcher Erlaubnis wir ausgiebig Gebrauch machten. Über eine Stunde bewunderten wir die schönen Landschaftsbilder und humorvollen Skizzen und sprachen auch fleißig dem guten Kirschenmost zu, den Ritter uns aufwartete.
Bevor wir das Haus verließen, machten wir noch von dem Hofe und seinem Besitzer ein Foto, um auch in späteren Tagen ein Andenken an schöne Stunden zu haben. Dann gab uns Ritter noch herzliche Grüße und gute Äpfel auf den Weg mit und wir zogen froh von dannen, hocherfreut darüber, dass wir wieder einmal einen so kraftvollen, naturnahen Menschen kennen gelernt hatten.
Hierauf stiegen wir den Fußweg nach Habich hinauf, wobei wir uns noch oftmals nach Ritters Gehöft umblickten, das mit dem bewaldeten Berghügel als Hintergrund ein malerisches Bild gewährte. In Habich besuchten wir die Kapelle, die Ritter mit wunderschönen Fresken (die 4 Evangelisten, Christi Geburt, Christus am Kreuz und Christi Auferstehung) geschmückt hat. Das Altarbild der hl. Radegunde befand sich einst am hl. Brunnenkreuz an der Straße und wurde von Ritter 1914 renoviert.
Am Heimweg nach Kirchschlag wurden wir durch große Mengen von Brombeeren aufgehalten, an denen wir nicht achtlos vorbeigehen wollten. Aber auch unseren Augen bot sich ein seltener Genuss. Weit reichte unser Blick über die zahlreichen Hügeln der Buckligen Welt, über die vielen Wäldchen und Riegel mit den schmucken Bauernhöfen bis weit hinüber zur Burgruine Landsee; zu unseren Füßen lag das liebliche Ungerbachtal und über uns lachte ein herrlich blauer Himmel. Wahrlich es war ein Bild, wert, von Ritter gemalt zu werden.

Ich sah Johann Ritter damals zum ersten Mal, nachdem ich vorher in Kirchschlag schon sehr viel von ihm gehört hatte. In den folgenden Jahren besuchte ich ihn noch öfters, bis sein im Jahre 1937 erfolgter Tod meinen Ausflügen nach Habich ein Ende setzte. Auch ein bescheidener Briefwechsel hat sich zwischen uns in dieser Zeit allmählich entwickelt.
Immerhin hatte sich unsere Beziehung so weit gestaltet, dass ich einen tiefen Eindruck von seiner Persönlichkeit gewinnen konnte. Denn nur jemand, der ihn näher kannte, war in der Lage, festzustellen, welches außergewöhnliche Genie in diesem einfachen und bescheidenen Bauern steckte. Das verraten übrigens auch seine Bilder, die für seine tiefe Liebe zur Heimat zeugen, aber auch viele Skizzen, die nicht selten erkennen lassen, welch humorvoller Schalk in ihm wohnte.

Ganz tief in die Seele dieses auch dichterisch begabten Menschen lassen aber manche seiner landschaftlichen Schilderungen erkennen, von welchen zum Abschluss einige Beispiele gebracht seien:
„Eine stille Sommernacht ist dahin gegangen; der liebliche Wachtelschlag im reifen Kornfeld weckte mich aus meinen Träumen. Es schimmerte noch kein Morgenrot durch die offenen Fenster. Schnell in die Schuhe und hinaus trieb es mich in die wunderbare Gottesnatur. Ein ährenduftender Hauch umfing mich am Feldrain. Der Mond ist eben hinter den hohen Waldbäumen verschwunden, deren Schatten sich gigantisch auf den blühenden Feldern abhebt. Die Himmels- oder Nachtlerche lässt ihren Schlag bald jubelnd, bald klagend hernieder schallen. Sie ist die Nachtigall unserer Berge“.
„Das Dörfchen gegenüber liegt noch in tiefem Schlummer. Ein schwacher Streifen im Osten kündet den Tag an. Die Schwalben umkreisen zwitschernd die Strohdächer der Höfe. Der Kuckuck war auch keiner der letzten und eine Schar Krähen flog mit viel Geschrei auf die Felder. Blauer Rauch steigt aus den Schornsteinen auf und vom Kirchlein klingt die Glocke zum Morgengebet.“
„Ich ging am 21. Dezember frühmorgens in den über Habich gelegenen Auwald, um mir ein kleines Christbäumchen zu holen. Es war so unheimlich ruhig als gäbe es kein menschliches Wesen hier, wenn nicht die vielen Fährten von Rehen und Hasen gezeigt hätten, dass der Wald heimlich lebt. Prächtig standen die Edeltannen mit Schnee und Raureif behangen vor mir. Keine Menschenhand könnte eine solche Christbaumzierde schaffen. Die Auerhähne und sechs Hennen strichen zu Tale und störten die feierliche Stille mit ihrem rauschenden Flügelschlag. Tief vom Tal herauf hörte ich Glockengeläute“.
„Auch bei uns hat der Frühling über den Winter den Sieg errungen. Auf unseren Höfen kommt das plötzlich über Nacht. Wenn man so am frühen Morgen hinaus muss in Feld oder Wald und das Leben werden sieht, hört und fühlt, dann denke ich immer, wenn nur alle Menschen so glücklich wären wie ich!“

Aus diesem letzten Satz lässt sich deutlich erkennen, dass Ritter nicht bloß ein Künstler, sondern sogar ein Lebenskünstler gewesen ist, der es gar wohl verstanden hat, einer alten Weisheit gemäß zu leben, die da lautet:
„Eines nur ist Glück hienieden, eins: Des Leben innerer Frieden!“
(Dr. Bruno Schimetschek, 1930)

Menü schließen